Am Wochenende ging mein 1-jähriges Praktikum zuende. Ich habe zusammen mit einer Gruppe Mädchen ein Projekt zur kreativen Wandgestaltung gemacht. Dabei konnte ich einige sehr interessante Erfahrungen sammeln, die ich hier kurz zusammenfasse.
Ich hatte mir (in alter Projektleiter-Manier) einen genauen Zeit- und Aufgabenplan erstellt, der definierte was wir bis wann erreicht haben wollen. Ich wurde schon bald eines besseren belehrt.
Erstens hatte ich die Zeit, in der wir die ersten Ergebnisse haben wollten, viel zu kurz angesetzt. Ich bin von einer hochmotivierten, immer bereiten Gruppe ausgegangen. Zwischenfälle/ Ausfälle waren da nicht bedacht.
Zweitens hatte ich die Zeit, in der wir aktiv sein sollten, viel zu lange angesetzt und wichtige Pausen vergessen. Was ich nicht wußte, die Mädchen konnten (wollten) sich nicht so gut und lange konzentrieren. Später habe ich festgestellt, dass wenn die Mädchen erstmal eine Pause machten, sie nur schwer wieder zum Weitermachen zu motivieren waren. Überhaupt war das Thema Motivation und Ablenkung sehr präsent.
Drittens hatte ich gedacht, die Mädchen könnten sich überlegen, wie sie die eine oder andere Wand gestalten wollen. Das ging so nicht. Kurzerhand wurde beschlossen, diesen Teil zu überspringen und ich habe Vorschläge für die mögliche Umsetzung gemacht. So hat es dann auch ganz gut geklappt.
Die anfängliche Begeisterung und Motivation der Mädchen war schnell verflogen. Ich war mit der zugegebenermaßen etwas naiven Vorstellung herangegangen, die Mädchen wären immer hocherfreut und dankbar, wenn die nette Kreativtrainerin/Kunsttherapeutin mit neuem Material und ausgefallenen Ideen ankommt. Weit gefehlt.
Sehr schön war, wenn die Mädchen ihre eigenen Stärken erkennen konnten und stolz auf sich waren. Ein Mädchen hat sich anfangs nicht getraut, eine Wand farbig zu streichen, aus Angst sie würde etwas falsch machen und würde geschimpft. Ich habe ihr erklärt, dass es kein “falsch“ bei dieser Aufgabe geben kann, und dass sie lediglich riskiert, für sich ein Erfolgserlebnis abzuzeichnen. Sie hat sich auf das Experiment eingelassen und danach mit stolz geschwellter Brust gesagt: „Diese Wand habe ich gemacht!“.
Während der Mal-Aktivitäten konnte ich das Vertrauen einiger Mädchen gewinnen und sie haben mir mehr von sich erzählt. Diese Annäherung war für mich eine sehr schöne Erfahrung.
Weitere Eindrücke:
- Betreuung ist richtige Arbeit
- Bindung vermeiden, große Skepsis am Anfang
- Gefühlsausbrüche sind heftig und unverfälscht
- Große Offenheit trotz geringer Bindung
- Viel Kraft, die eigene Motivation zu halten
- Gruppendynamik schwierig, keine Geborgenheit
- Akzeptanz der eigenen Schwächen/ des eigenen Seelenzustandes
- Kreativität kann therapeutisch wirken, z.B. im Finden und Stärken der
eigenen Fähigkeiten
- Versuch, Abschied zu vermeiden
Hilfreiche Lektüren, um in das Thema Borderline einzusteigen:
- Ewalt Rahn: Umgang mit Borderline Patienten
- Romuald Brunner/ Franz Resch: Borderline Störungen und
selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen
Sehr gut war hier auch:
- Irvin D.Yalom: Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie
Fazit: Keine Lektüre kann die echte Erfahrung ersetzen.